Rückkehr als Jedi-Ritter

Von einem, der die „Star Wars“-Premiere verpasste und Filmredakteur wurde, damit das nicht wieder passiert.

In „Star Wars 7“ wartet Newcomerin Daisy Ridley in der Wüste aufs große Abenteuer, allein. 16 Jahre vor Filmstart. 1999, ging es mir, na ja, ähnlich: Ich war jünger als Ridley im Film, 13 nämlich, und im Gegensatz zu ihr hatte ich meine Familie um mich. Aber wie sie war ich im Nirgendwo – und wartete. Ich war auf der Nordseeinsel Baltrum, wie immer zur Sommerzeit, nur dass dieses Jahr ein Ereignis bevorstand, das seine Spuren auch im entlegensten Winkel unserer Galaxis hinterlassen sollte. „Star Wars: Episode 1“ versetzte Medien und Publikum und mich in ein nie dagewesenes Erwartungsfieber. Der Film hinterließ selbst auf einer Nordseeinsel Spuren, auf der keine Autos fahren und auf der das einzige Kino in einer Mehrzweckhalle ist, sofern da nicht gerade geturnt wird oder der Shanty-Chor „Alle, die mit uns auf Kaperfahrt fahren“ und andere Seemanns-Klassiker zum besten gibt. Allerdings waren besagte Spuren, die „Episode 1“ hinterließ, anders als von mir fest eingeplant. Die Spuren waren Abdrücke von Tritten im Sand, die Tritte waren wütend und die Füße gehörten mir. Ich hatte gerade erfahren, dass sie „Star Wars“ auf Baltrum nicht spielen werden. Und ich wusste, dass meine Fähre erst in über sieben Tagen gehen würde.

Ich wünschte, ich könnte zu dem Jungen gehen, der wütend auf den Sand eintrat. Nicht, um ihm zu sagen, dass der Film, auf den er über sieben Tage länger warten musste als sein Freunde, zu einer der größten Enttäuschungen der Filmgeschichte werden würde, weit vor „Der Pate III“, als einendes Hassobjekt, an dem eine ganze Generation das Schimpfen im Internet gelernt haben wird, bevor das Wort Shitstorm existiert. Nicht, um den Jungen ob seines kindischen Verhaltens zu tadeln, denn was heißt eigentlich kindisch? Auch Erwachsene treten in den Sand, wenn sie wütend sind, jedenfalls sollten sie es.

Nein. Ich würde mich neben den Jungen stellen, als altes Ich aus der Zukunft, und ich würde ihm sagen: In 16 Jahren wird es wieder einen Film geben, der genauso herbeigesehnt wird. Du wirst dich verändert haben, aber du wirst dich wieder genauso darauf freuen. Du wirst wieder vor Aufregung nicht schlafen können, obwohl du in der Zwischenzeit oft enttäuscht worden sein wirst und zwar seltener von Filmen und öfter von Menschen und am meisten von dir selbst. Du wirst in einer Phase sein, in der du nicht genau wissen wirst, wie viel Idealismus du dir wirst erlauben können – und sehr genau, dass dich diese Frage dein ganzes Leben beschäftigen wird. Trotzdem wird dir die Vorfreude wieder von innen gegen die Bauchwand kitzeln. So. Und weil mir dann wieder einfallen würde, dass ich mit einem 13-Jährigen rede und nicht mit meinem gleichaltrigen Klon, würde ich meine Motivationsrede mit dem Satz beenden: Und du wirst, kleiner Mann, wenn du schließlich im Kino sitzt, seit zwei Jahren dein Geld damit verdient haben, als Filmredakteur fast jeden Tag über diesen Film, über „Star Wars 7“ zu schreiben.

Dann würde ich dem Jungen in die Augen gucken und ihn staunen sehen und mich freuen und daran erinnern, dass zu staunen kein Kinderding ist und einer der Gründe, warum auch Erwachsene ins Kino gehen und vor allem zu „Star Wars“. Auch Erwachsene staunen, wenn sie es zulassen können, fickt euch Ironie und Resignation und Contenance, fickt euch.

Das alles konnte ich nicht wissen, als ich meine Wut als 13-jähriger Junge in den Sand kickte. Ich wartete länger auf „Episode 1“, ließ mir von einem Kumpel am Telefon davon erzählen, wie toll der neue Film ist – und mich dann später im Kino überwältigen wie ein Höhlenbewohner, der zum ersten Mal an die Oberfläche kommt, gleich mitten rein in ein Feuerwerk. Mein Papa hatte mich und meinen Bruder übrigens auf der Nachhausefahrt von Baltrum direkt am Kino abgesetzt.

Oktober 2012: Meine Freude über „Episode 1“ und deren Fortsetzungen hatte sich lange gelegt, George Lucas sein Kino-„Star Wars“ längst offiziell für beendet erklärt. Ich hatte viele andere Filme gesehen, und gegen die musste das erste Prequel mit seinen hölzern ausgetauschten Peinlichkeiten vor offensichtlichen Bluescreens verblassen. Für „Star Wars“ galt dasselbe wie für meine Pickel: Es hatte mich mal sehr beschäftigt, war nun aber Vergangenheit. Und doch, eines Abends in einer Weddinger Kneipe, da sprachen wir wieder drüber. Was wäre wohl, wenn das mal jemand fortsetzen würde, entgegen der Absicht seines Schöpfers George Lucas? Ich wusste: Wenn, dann muss das jemand so machen wie es 2009 mit „Star Trek“ gemacht wurde, als wildes, mitreißendes, rührendes Abenteuer, zum Staunen natürlich.

Als ich nach der Kneipe zuhause ankam, war gerade bekannt geworden, dass Disney die Firma Lucasfilm kaufen wird und neue „Star Wars“-Filme plant. Wenig später machten sie J.J. Abrams zum Regisseur, den von „Star Trek“. Wir unterhalten uns also nach einer Ewigkeit wieder über „Star Wars“, völlig ahnungslos hinsichtlich der Zukunft, und eine Stunde später wird bekannt, dass es weitergeht. Wie war das noch mal mit der Macht und dem Schicksal? Im Bauch begann es, ganz langsam wieder zu kribbeln, lange bevor die ersten Szenen zu sehen waren. Ob ich auch an den Jungen am Strand dachte?

Dezember 2015, wenige Tage vor weltweitem Kinostart von „Star Wars 7: Das Erwachen der Macht“. Hinter mir lag eine beispiellose, omnipräsente, in ihrer Dauerbotschaft so ermüdende wie – in Sachen Marketing- und PR – brillant scharfe Werbekampagne, die fast zwei Jahre gedauert hatte. Sie hatte eine riesige Hype-Welle erzeugt und war mit Macht gebrochen, sodass selbst Leute nass wurden, die den Millennium Falken noch bis vor kurzem nicht vom Raumschiff Enterprise unterscheiden konnten. Ich schaute vom Bildschirm weg, über die „Star Wars“-Tasse und den Stoff-Yoda und die anderen Geschenke, die mir jemand in einer süßen, über mehrere Tage gestreckten Entschuldigungsaktion beschert hatte. Ganz kurz, für einen der raren Momente in der Hyper-DSL-beschleunigten Redaktionsrealität, hielt ich inne. Jede Arbeit wird, mindestens in Teilen, zur Routine, jede Arbeit kann nerven, ob man nun an der Kasse steht oder vorm Redaktionsrechner sitzt und sich eine Überschrift für den hundertsten „Star Wars“-Trailer überlegt, die einem ums Verrecken nicht gelingen will. Doch für diesen Moment schaute ich neben mich und ich könnte schwören, dass da der 13-jährige Junge vom Strand stand, mit kurzer Hose und sandigen nackten Füßen. Und seine Augen, die waren ganz, ganz weit offen. Und ich nahm mir etwas Zeit und staunte auch.

„Star Wars 7“, mit Daisy Ridley, die in der Wüste steht und bald danach staunend im Millennium Falken, habe ich inzwischen gesehen. Er ist sehr gut, vor allem wegen Ridley und den anderen Neulingen, vor allem weil er überhaupt nicht hölzern ist wie „Episode I“, sondern eine mal lustige, mal traurige Filmachterbahn mit lebendigen Figuren drin, die sich freuen und flirten und lachen und schwitzen und bluten. Der Film klebt auf eine Art zu sehr an der Vergangenheit, zitiert zu viel die alten Szenen, ja. Doch gerade, als ich meiner leichten Enttäuschung zu viel Raum gebe, mein Auf-hohem-Niveau-Jammern zu sehr dehne, gerade da taucht mein Ich aus der Zukunft auf. Es lächelt mich an und sagt danach ruhig: „Gute Nachrichten aus der Zukunft, ich habe ‚Episode 8‘ gesehen. Du solltest dich darauf freuen.“

Und es fügt hinzu: „Ach so, bevor ich es vergesse, eines noch: Nein, du solltest mit ihr im Mai 2017 nicht an die Nordsee fahren. Denn nein, sie werden ‚Star Wars‘ immer noch nicht spielen, du Idiot.“

Meerkino, oder: Warum die See nach salzigem Popcorn schmeckt

„Wenn wir nur ein rationales Leben lebten, das wäre doch ziemlich langweilig und bedrückend.“
– Emma Stone

Der Ärmelkanal braust an diesem Tag besonders laut, spült Welle um Welle an schwarze, abschüssige Küstenfelsen. Wind zerrt an meinem Shirt. Louis L., der alte Herr neben mir, sieht aus wie vom Meer geschaffen: sein Haar gischtweiß, seine Haut windgefaltet. Kerzengerade steht er da, wellentrotzend sozusagen, schaut regungslos auf das unruhige Wasser. Innendrin, da bin ich mir sicher, brodelt es. Wir sind in Villerville, einem französischen Küstendörfchen in der Normandie, am Ärmelkanal. Gleich erzählt mir Herr L., wie er das Kino erfand, weil er sich verliebt hatte.

„Sehen Sie, ich war der Leuchtturmwärter von Villerville“. Er deutet nach rechts, auf das 50 Meter hohe Wahrzeichen des Ortes, seinen langjährigen Arbeits- und Lebensmittelpunkt. Kommt eine besonders hohe Welle, wird der Turmfuß nass. „Das war ein anstrengender Beruf. Und ein wichtiger, bis in die Sechziger.“ Die Stimme von Herrn L. klingt fest, der Wind raubt ihr nicht die Kraft. Sprechpausen macht er, weil er die bestmöglichen Worte finden will. Nie wirkt es, als verliere er seine Gedanken. „Damals, Ende August 1965, stand ich an ziemlich genau derselben Stelle wie wir jetzt. Das Meer war wütend an diesem Tag.“ Er lacht kurz auf und fährt dann fort. „Vielleicht, weil der Herbst schon in der Luft lag.“ Herr L. streckt wieder den Arm aus, dieses Mal deutet er auf einen Punkt gleich vor den schwarzen Felsen. „Da vorne tauchte sie auf.“ Er dreht sich zu mir und senkt leicht die Stimme, als er sagt: „Sie hatte ein Gesicht, das war wunderschön, hellwach und tieftraurig.“

Seit wir zusammen auf dem schmalen, nicht asphaltierten Uferweg am Leuchtturm von Villerville stehen, sind wir allein. Hinter uns liegt Grasland, der Wind kämmt die Halme gleichförmig von der Küste weg, erst mit einem Abstand von einigen hundert Metern zum Meer beginnt das eigentliche Dorf. Herr L. lebt nach wie vor hier, ist alles andere als ein Weltenbummler. Einsam jedoch war er nie, behauptet er. „Ich hatte meine Leute im Ort und wir haben uns regelmäßig getroffen. Mit Pierre, dem Bäcker, konnte ich besonders gut. Der Mann hatte Witz.“ Ob er Pierre jemals von der Meerjungfrau erzählt hat, frage ich ihn. Da schüttelt er nur mit dem Kopf.

„Sie hatte schwarze Haare, die im Wind zitterten. Sie muss mich gleich bemerkt haben, denn sie hat mich sofort angeschaut.“ Während Herr L. spricht, merke ich, dass meine Lippen nach Salz schmecken und mir langsam kalt wird, aber der alte Mann scheint gegen die Widrigkeiten des Ärmelkanals immun. Er behält seinen festen Stand und gestattet sich auch im Gesicht keine Schwäche. „Ich habe mich direkt zum Hampelmann gemacht, ihr zugerufen und gewunken. Zack, da war sie auch schon wieder weg.“

Wir gehen nun gemeinsam den Uferweg hin zum Leuchtturm. „Wissen Sie, für viele Menschen ist die Liebe auf den ersten Blick reine Fiktion. Sie haben eine Zeit lang daran geglaubt, aber ab einem bestimmten Alter haben sie diese Vorstellung verbannt, in Filme zum Beispiel. Sie sind gepackt, wenn sie in einer Szene sehen, wie es von hier auf jetzt funkt, und vielleicht vergessen sie ihren Unglauben. Doch die Amnesie hält nur für einen Moment. Kennen Sie das, wenn sie aus dem dunklen Kinosaal ins helle Foyerlicht treten? Das ist wie Aufwachen. Und viele Menschen wachen nicht nur auf, sie verlieren auch ihren Glauben.“ Der Wind ist noch stärker geworden und ein Nieselregen hat eingesetzt. Ich denke an eine U-Bahnfahrt in Istanbul, auf der ich mich verliebt habe. Ich bin nach zwanzig Minuten ausgestiegen, sie ist weitergefahren.

Herr L. tut drei Stücken Kandiszucker in seine Tasse und gießt Früchtetee drüber. Wir sitzen an einem Tischchen im Aussichtszimmer des Leuchtturms, das sich unterhalb des Lampenraumes befindet. Draußen peitschen Windböen den Regen durch die beginnende Nacht. Herr L. unterbricht das Schweigen. „1965 war die Lichtanlage zu dieser Uhrzeit längst in Betrieb, so auch nach meiner ersten Begegnung mit der Meerjungfrau. Gott, war ich wütend. Ich dachte, ich hätte es vermasselt. Kennen Sie das, wenn die Wut festsitzt und sie wie ein Parasit dazu drängt, auf Dinge einzuschlagen? Ich wollte hier nichts kaputthauen und bin deswegen oben immer im Kreis gelaufen, Beruhigung durch Bewegung. Immer im Kreis um die Lichtanlage rum, entgegengesetzt zur Drehrichtung des Leuchtfeuers.“
Es gibt eine Folge der Simpsons, in der ein trauriger Homer nachts auf einen Leuchtturm steigt. Unbewusst geht er ins Licht, sodass sein Schatten im Kegel an den Himmel geworfen wird und von weitem zu erkennen ist. Herr L. machte in dieser Nacht des Jahres 1965 auf Homer Simpson.

Er trinkt einen großen Schluck Tee und schließt kurz die Augen. Als er sie wieder öffnet, kommt er ohne Umschweife zum Kern seiner Geschichte. Er hat sie noch nicht oft erzählt, das merke ich, vielleicht hat er sie noch nie erzählt. Herr L., ein Mann von 79 Jahren, tastet sich mit bedachten Worten durch ein Erlebnis, das er verwahrt hat bis an sein Lebensende. Und wie er so erzählt, da scheint es, als steht er in diesen Sekunden oben vorm Leuchtfeuer und winkt, und unten im Meer schaut eine junge Frau in den Lichtkegel am Himmel und winkt zurück. Herr L. erzählt, wie ihn das Mädchen wiedererkannt hatte, als er oben wütend im Kreis gelaufen und dabei stets aufs Neue in den Lichtstrahl gestampft war, ohne die Folgen zu ahnen, wie die Meerjungfrau daraufhin Abend für Abend vorm Leuchtturm auftauchte und er sich ihr mitteilte, in einer Sprache, die beide verstanden, sie im dunklen Wasser und er im grellen Licht, wie er den Strahl auf einen Punkt fokussierte, ihr mit Bewegungen vor dem Leuchtfeuer sein Leben an den Horizont projizierte und sie mit großen Augen hochguckte. Ich frage ihn, was genau er im Leuchtturmlicht machte und ob seine Pantomime nicht rasch an Grenzen stieß. Da hält er einen Augenblick inne. „Von wegen“, antwortet er, versonnen lächelnd. „Sie hat es geliebt, unser Meerkino.“

Herr L. und ich gehen eine schmale Asphaltstraße entlang, die vom Ufer ins Dorfinnere führt. Es sind kaum Häuser auszumachen. Links und rechts säumen vollbewachsene Sträucher den Weg. Der Strom wird überirdisch transportiert, doch es sieht aus, als führen die Kabel zwischen den Masten ins Leere. Keiner sagt etwas. Nach 15 Minuten erreichen wir eine kleine Gaststätte, „Arthur“, ein schmales Fachwerkhaus mit spitzem, schwarzem Ziegeldach. Warmes Licht strahlt durch die Fenster ins Freie. Wenn Villerville ein Zentrum hat, ist es das „Arthur“.

Wir sind fast die einzigen Gäste. Der Wirt kennt Herrn L., grüßt ihn, als wir am Tresen vorbeigehen. Kaum haben wir uns an einen der massiven brauen Holztische gesetzt, hat Herr L. seinen Tee vor sich stehen. „Sie war klug. Sie hatte so viel mehr erlebt als ich, so viel mehr zu erzählen. Ich habe beim Hafenwart ein kleines Boot gemietet, mit einem Scheinwerfer am Bug. Das habe ich auf die meerseitige Leuchtturmwand ausgerichtet. So konnte sie vom Wasser aus Pantomime spielen, während ich auf einem Felsen gesessen und auf meinen Leuchtturm geguckt habe.“
Vor dem Kneipenfenster hat es wieder zu regnen begonnen, stärker als zuvor. Herr L. schaut in die Kerze, die der alte Wirt inzwischen gebracht hat. „Ich habe nicht alle Szenen verstanden, die sie für mich spielte. Ich glaube aber, dass sie sehr weit gereist war und alle Meere gesehen hatte.“ Ob er etwas von der Legende wisse, dass Meerjungfrauen nur durch die Liebe eines Mannes erlöst werden können, frage ich Herrn L.. Da muss er grinsen. „Nun, auf sie trifft das bestimmt nicht zu, sie hatte ihre Erlösung selbst in der Hand. Da war diese eine Geschichte, die sie für mich spielte, die habe ich gut verstanden. Und später habe ich sie in einem Buch wiedergefunden. Sie kennen doch Hera, die Frau vom griechischen Obergott Zeus, oder? Die musste einiges ertragen mit ihrem Mann. Der hatte hier eine Gespielin und da eine andere. Und Hera wusste davon und fraß ihre Wut in sich rein, über viele Jahre hinweg. Doch irgendwann hatte sie genug. Sie wandte sich an eine Meerjungfrau, die sie kannte, und bat sie um Hilfe. Gemeinsam heckten sie einen Plan aus, es Zeus heimzuzahlen. Die Meerjungfrau bezirzte Zeus vom Wasser aus, der – das weiß kaum einer – nicht schwimmen konnte. Sie machte das immer wieder: Auftauchen, bezirzen, abtauchen, ein paar Tage wegbleiben. Der geile Bock wurde immer ralliger und konnte nichts machen. Eines Tages tauchte die Meerjungfrau also wieder auf. Zeus stand am Strand, er war in diesem Moment ein gequälter Mann und kein Gott. Da trat plötzlich Hera von hinten an seine Seite, lächelte kurz in seine Richtung und ging dann zu der Meerjungfrau ins Wasser.“ Herr L. schaut weiter in die Kerze. Ich merke, dass er gerade woanders ist. „Es heißt, der Kuss einer Meerjungfrau ist tödlich. Nicht, weil du tatsächlich sterben würdest. Aber du willst danach niemand anderen mehr küssen. Und Hera und die Meerjungfrau küssten sich lange, und Zeus konnte nur am Ufer stehen und zugucken.“
Der Wirt räumt die leere Teetasse weg, wortlos. Herr L. schaut mir jetzt direkt in die Augen. „Hera war der Meerjungfrau sehr dankbar, daher schenkte sie ihr die einmalige Erfüllung eines Wunsches. Doch die Meerjungfrau nahm das Angebot nie in Anspruch, sie vermachte es ihrer Tochter und die ließ sich ebenfalls nie einen Wunsch erfüllen. Erst viel später sollte jemand aus der Familie das Angebot Heras wirklich nutzen.“ Herr L. macht eine Pause. Ich glaube zu wissen, was gleich kommen wird, aber ich irre mich. Er holt Luft, pustet die Kerze aus und sagt: „Ich wünschte, ich wäre noch da gewesen, als sie an Land kam.“

Wir haben den Weg von Villaville bis Paris mit dem Zug zurückgelegt und stehen jetzt vor einem kleinen Kino, das „Le Gamaar“ heißt. Das Kino liegt in einer Seitenstraße, wölbt sich zylinderförmig zwischen stuckverzierten Altbaufassaden hervor. Es hat noch eine dieser weißen, gerasterten Anzeigetafeln, auf denen mit Setzbuchstaben die Namen der Filme stehen, die gerade im Programm sind. Herr L. zieht tief Luft ein und fragt: „Riechen Sie den Herbst? Es ist Ende August, aber ich kann den Herbst schon riechen, ganz leicht.“ Er zeigt auf den Eingang des „Le Gamaar“. „Als ich das erste Mal hier angekommen bin, war es schon Herbst. Die Fenster des Kinos waren vernagelt, weil es Jahre zuvor eine Explosion gegeben hatte und alles ausgebrannt ist. Wissen Sie, dass das Zelluloid, aus dem die Filme waren, bis in die 50er hochexplosiv war? 1944 hat es hier deswegen richtig gekracht und 1965 stand das Kino immer noch leer.“ Heute, das merke ich, wird das Kino ordentlich frequentiert. Während Herr L. berichtet, gehen immer mal wieder Besucher rein und raus. „Als Leuchtturmwärter brauchte mich niemand mehr, mein Nachfolger auf dem Posten war eine Maschine. Ich versprach dem Wassermädchen, es jeden Freitag am Leuchtturm zu treffen, danach fuhr ich auf der Suche nach Arbeit in die Hauptstadt. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal durch das herbstliche Paris streunte, mir kalt wurde und ich schließlich ein kleines Kino entdeckte, ähnlich diesem hier. Sie spielten „Außer Atem“ von Godard. Es war das erste Mal in meinem Leben, das ich ein Kino betrat. Und es fühlte sich vertraut an.“

„Ich wusste, was ich tun wollte, nachdem ich meinen Beruf als Leuchtturmwärter nicht mehr ausüben konnte. Ich kaufte das vernagelte ‚Le Gamaar‘ mit geerbtem Geld, es hat bloß einen Spottpreis gekostet. Das war gleich im besagten Herbst 1965, kurz nachdem ich das erste Mal im Kino war, also in einem Kino weit weg vom Meer.“ Wir werden von zwei Touristen unterbrochen, die uns bitten, sie vor dem „Le Gamaar“ zu fotografieren. Herr L. schießt das Foto und betrachtet es einen Moment auf dem iPhone-Display, bevor er das Gerät an seinen Besitzer zurückgibt. „Ich habe gehört, diese kleinen Dinger spielen heute auch Filme ab. Mein Verhängnis waren andere kleine Dinger, die damals vielleicht so beliebt waren wie heute die Handys.“ In den 1960ern wurde der Fernseher zum Massengerät, ein Kinosterben setzte ein. Herr L. schaut mir wieder direkt in die Augen. „Ich habe mir immer gewünscht, mit ihr im ‚Le Gamaar‘ zu sitzen. Nebeneinander einen Film zu sehen. Aber schon 1966 war das Kino wieder vernagelt. Ich hatte nicht vorausgeplant, ich hatte mir keine Gedanken über die Konkurrenz vom Fernsehen gemacht. Doch mein größter Fehler war, danach für einige Zeit nicht wieder nach Villerville zu gehen. Mein größter Fehler war, sie am Freitag alleine zu lassen.“

Ich fahre mit dem Zug von Paris zurück nach Berlin. Herr L. ist in der Stadt geblieben, er will noch ein paar Filme sehen, bevor es auch für ihn zurück in die Heimat geht. Am Ende unserer Interviews hat er mir geschildert, wie einfach es 1966 war, in Paris zu ersaufen. „Die Seine brauchen sie dafür nicht.“ Er wurde Alkoholiker, seine Gedanken zerflossen. Und im Ärmelkanal schwamm seine Freundin jeden Freitag zum Leuchtturm, obwohl er sein Versprechen bereits lange gebrochen hatte.
Im Abteil komme ich mit einem jungen Mann ins Gespräch, der mich fragt, an was ich da auf meinem Laptop arbeite. Ich umreiße für ihn die außergewöhnliche Geschichte des Herrn L.. Der junge Mann hört interessiert zu. Und als ich fertig bin, sagt er: „Das ist lustig. Ich glaube, ich habe auch eine Meerjungfrau getroffen. Sie war eben noch hier im Abteil.“

„Da saß eine Frau auf dem Platz, auf dem du jetzt sitzt. Sie hatte schwarze Haare, ganz wie in deiner Geschichte. Sie hatte ihren Kopf zum Fenster gedreht, ihre Nase war kurz vor der Scheibe, sie guckte die ganze Zeit raus. Es schien sie zu faszinieren, wie da draußen alles vorbeiflog. Sie hat mich wahrscheinlich nicht mal wahrgenommen, obwohl ich sie angeschaut habe wie ein blöder Stalker. Das habe ich so noch nie erlebt, sie hat mich ganz tief drinnen getroffen. Kennst du das? Das ist, wie wenn du deine Lieblingsmelodie hörst, die sofort ein ganz warmes Gefühl in dir auslöst, nach den ersten paar Takten.“ Der junge Mann spricht jetzt sehr aufgeregt. „Irgendwann hat sie endlich ihren Kopf vom Fenster weggedreht und ich habe ihr Gesicht ganz gesehen, das war wunderhübsch und irgendwie auch so traurig und ich dann ganz starr, ich habe an gar nichts mehr denken können für eine Minute oder so, bis ich mir dachte: ‚Du musst sie ansprechen, irgendwie‘, aber ich hatte keine Ahnung wie genau, wollte das machen wie bei einem Tanz, einem Tanz mit einer Porzellanpuppe, ganz vorsichtig, behutsam, eine Hand greift die andere, danach das gleiche noch mal und dabei nicht zu fest zudrücken, damit kein Finger bricht, aber ich hatte keine Ahnung wie genau und bin dann erst mal zu WhatsApp, einen Kumpel anschreiben, der baggern kann, und bald hatte ich die ersten Weisheiten auf meinem Bildschirm und weil ich vergessen hatte, auf Vibration zu stellen machte das drei Mal ‚bing‘ und ich hatte die erste Weisung meines Kumpels direkt unfreiwillig befolgt, nämlich ihre Aufmerksamkeit gewonnen, sie drehte ihren Kopf ein wenig und ich hatte die Chance, was zu sagen, was Lustiges zum Beispiel, was Lockeres zur Eröffnung, das hätte eine schöne Anekdote auf unserer Hochzeit gegeben, ‚Und ja, trotz dieses dämlichen Spruchs ist sie nicht abgehauen‘, so in etwa, ‚Ich war ein Trottel und ihr war’s egal‘, irgendwas in diese Richtung, ich hatte es in der Hand, scheiße, aber ich bin ein verdammter Chancentod in diesen Belangen, ich bin der verdammte Mario Gomez des Flirtens, ich habe nichts gesagt und irgendwann ist sie ausgestiegen.“

Es gibt eine Geschichte, die in Villerville spielt und die man im örtlichen Heimatmuseum in einem Märchenbuch lesen kann. Das ist aber gar nicht nötig, denn fast jeder im Dorf kennt die Geschichte. Man kommt nicht umhin, dabei an die Frau im Zug zu denken und natürlich an Herrn L.. Sie heißt „Das Mädchen aus dem Meer“. Ich lasse sie mir während meines Aufenthalts in Villerville von mehreren Bewohnern erzählen, jeder erzählt sie ein bisschen anders. Doch im Grundsatz geht es um eine junge Frau, die eines Abends aus dem Meer ans Ufer läuft und die niemand im Ort kennt. Sie sagt, dass sie eine Meerjungfrau war und einen jungen Mann sucht, in den sie sich verliebt hat. Sie läuft umher, in mancher Version nimmt sie auch die Bahn. Aber der junge Mann ist an einem Ort, wo ihn niemand finden kann. Er reiste eines Tages in die große Stadt, erlag den Verlockungen der Metropole und kehrte nie wieder zurück. Die junge Frau setzte sich auf einen der kleinen Küstenfelsen am Leuchtturm und weinte. An diesem Tag, so sagt man, wurde das Meer salzig.

Im Winter fahre ich noch einmal nach Villerville zurück. Ich will Herrn L. meinen Text zu lesen geben und ihn fragen, ob er Anmerkungen hat. Als ich am kleinen Dorfbahnhof ankomme, liegt eine Schneedecke auf Straßen und Häusern. Mit mir steigen nur vier andere Passagiere aus. Ich laufe zu der Dorfkneipe, dem „Arthur“, wo Herr L. nach seiner Rückkehr aus Paris Anstellung fand. Er sagte mir: Wenn ich ihn noch mal treffen will, soll ich den Wirt fragen. Der weiß, wo er ist. Der Wirt schickt mich zur Mehrzweckhalle des Dorfes. „Da ist heute Filmabend“, sagt er.

Ich stapfe durch den Schnee zur Halle. Die Büsche sind jetzt nicht mehr voll, sondern kahl, der Jahreszeit entsprechend, aber die Stromleitungen führen weiterhin ins Nirgendwo. Es ist Heiligabend und ich bin an diesem Tag nur hier, weil das für viele Monate die letzte Gelegenheit sein wird, Herrn L. zu treffen, danach bin ich anderweitig verplant. Ich betrete den leeren Eingangsbereich der Mehrzweckhalle und folge den Schildern bis zum großen Saal. Bereits vor der Tür höre ich das Rattern des klobigen Filmprojektors. Gezeigt wird ein alter Vampirfilm.

Ich öffne die schwere Saaltür und bemerke sofort, wie leer es ist. In der letzten Reihe der aufgestellten Stühle sitzen zwei alte Damen nebeneinander, die eine hat den Arm um die Schulter der anderen gelegt. Ich laufe ein Stück in den Saal hinein, bedächtig, um sie nicht zu stören. Vorne, in der allerersten Reihe mittig, sitzt Herr L., der einzige Zuschauer abgesehen von dem alten Pärchen. Er blickt mit kerzengeradem Kopf auf die Leinwand.

Als ich die Tür hinter mir schließe, bin ich ein Tick lauter als beim Öffnen. Herr L. dreht sich um. Ich erkenne in seinem Gesicht, dass er gehofft hat, jemand anderen zu sehen. Ich erkenne in seinem Gesicht, dass er noch immer hofft.

Felina

Vielleicht werde ich in meinen Favoriten irgendwann wieder auf dieses Blog klicken, nach langer Abstinenz, und mich über ein Wiedersehen freuen: ein Wiedersehen mit einem vergessen geglaubten Gedanken, ein Wiedersehen mit einem vergessen geglaubten Film. Nun jedoch, nach zwei Jahren Kinofilmtagebuch, ist – jobbedingt – leider Schluss.

Danke an all die Leinwandzauberer, von denen ich mich so gerne verhexen lasse.

Fortsetzung folgt?

2013: Top 10

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Hier ist meine Top 10 – krass subjektiv, aber frei von jedweder Quote für Länder, Regisseure, Geschlechter oder Augenfarben.

DJANGO UNCHAINED

FRANCES HA

3 BLUE JASMINE

4 ONLY LOVERS LEFT ALIVE

5 INSIDE LEWYN DAVIS

6 THE BROKEN CIRCLE

7 TAKE THIS WALTZ

8 ACT OF KILLING

9 LAURENCE ANYWAYS

10 STAR TREK INTO DARKNESS

Deutsche Filme, die mich 2013 bewegt haben: FEUCHTGEBIETE, HEUTE BIN ICH BLOND, FREIER FALL.

Die beste Szene des Jahres habe ich nicht in einem Film gesehen, sondern in einer TV-Serie. Es ist die letzte Szene mit Walter White in der finalen Episode von BREAKING BAD.

Der OH-BOY-Gedächtnispreis für Überbewertung geht an FACK JA GÖHTE, die goldene Schnarchnase teilen sich Terence Malick und Ben Afflecks Rücken für TO THE WONDER.

Snobs unter sich

Die kokette Teenager-Vampirin Ava (Mia Wasikowska) wurde soeben von ihrer Schwester Eve (Tilda Swinton) und deren Mann Adam (Tom Hiddleston) vor die Tür gesetzt, weil sie es in der vergangenen Nacht zu bunt rot getrieben hat. „Snobs!“, das schnaubt sie ihren Gastgebern zum Abschied an die unsterblichen Köpfe – und charakterisiert treffend, wie Eve und Adam nach mehreren hundert Lebensjahren auf die Menschen blicken: mit hochgezogenen Augenbrauen eben, ob all den repetitiven Dummheiten und Schwächen, die unsere sozialen Beziehungen belasten und unseren Planeten erst recht.

Eve und Adam, diese zwei weisen, kultivierten, hochgebildeten Weltenwanderer, sind ein monolithisches Paar – und gewiss auch große Kenner der Kinokultur. Ihren eigenen Film, ONLY LOVERS LEFT ALIVE, würden sie hoffentlich mögen. Er sieht jedenfalls vortrefflich aus und ist wunderbar eigensinnig, da Jim Jarmusch die melancholische, entrückte Grundstimmung mit trockenem Humor würzt.

Als Trailer vorneweg lief VAMPIRE ACADEMY, der Vorschau nach zu urteilen ein Mix aus HARRY POTTER, GOSSIP GIRL und TWILIGHT. Wenn Eve und Adam mit im Saal waren, haben sie die Augenbrauen nach oben gezogen.

Weihnachtszeit, Zombiezeit

Eine junge Weihnachtstradition von mir: die jeweils neueste Staffel der Zombie-Serie THE WALKING DEAD auf DVD gucken, in diesem Jahr also Staffel 3. Das mag zunächst nicht sehr weihnachtlich klingen, am Fest der Liebe brutalen Szenen zuzuschauen, in der Menschen zerrissen werden – tot oder lebendig. Ich finde aber, dass THE WALKING DEAD mehr ist als Gegenprogramm zum Festtags-Kitsch. Ich finde, dass die Serie eine weihnachtliche Geschichte erzählt.

Sicher: Kein Fan von Filmgewalt soll nach Staffel 3 blutdürstig zurückbleiben, diese Maxime liegt jedem der zahlreichen Kämpfe zugrunde. Die Regie achtet genau darauf, die Deformierung des menschlichen Körpers plakativ auszustellen. Köpfe werden abhackt, eingetreten, durchstochen. Und eine neue Figur, die Amazone Michonne (Danai Gurira), hat vor allem deswegen ein Schwert, weil sich Gliedmassen damit schneller und cooler abtrennen lassen als mit anderen Waffen. Staffel 3 gibt Michonne genug Gelegenheit dazu.

Doch zwischen dem Gemetzel ist nach wie vor die eine Moralfrage handlungsbestimmend, die THE WALKING DEAD seit Anfang begleitet: Wenn die Welt vor die Zombies geht, wenn der Überlebenskampf Alltag wird, wie viel Mitmenschlichkeit kann es dann noch geben? Wie viel Hoffnung ist erlaubt? Zwei Fragen, die aufs Engste verknüpft sind mit der biblischen Erzählung von Jesus‘ Geburt, mit Weihnachten eben.

Man höre und staune: THE WALKING DEAD Staffel 3 ist trotz unvergleichlich intensiver Gewalt und trotz moralischer Abgründe nicht gänzlich zynisch. Die Zombiemassen scheinen endlos, die Überlebenden bekriegen sich untereinander, vertraute Figuren sterben.

Es wird aber auch ein Kind geboren. Kommt einem bekannt vor, oder?

Gedankengrenze

BLAU IST EINE WARME FARBE, der dieses Jahr das wichtigste Filmfestival der Welt – Cannes – gewonnen hat, hebt Grenzen auf, die Konvention geworden sind. Die Kamera klebt nah am Gesicht der anfangs 17jährigen Adèle (herausragend: Adèle Exarchopoulos) und registriert jede Regung, ob emotional oder beim Essen. Die Beziehungsgeschichte zwischen ihr und der älteren, reiferen Emma (Léa Seydoux) ist so intim, weil sie mehr über genau beobachtete Blicke, Gesichtsausdrücke und Bewegungen erzählt wird und weniger über Situationen, Musik und Worte. Die übliche Zeitgrenze fällt ebenfalls: das Liebesdrama von Abdellatif Kechiche bewegt sich mit einer Laufzeit von drei Stunden in Regionen von Gangsterepen wie DER PATE.

In der Handlung aber sind Grenzen ein bestimmendes Thema – werden die zwei jungen Frauen durch sie separiert. Der Altersunterschied zwischen der Abiturientin Adèle und der Kunststudentin Emma dürfte dabei noch der kleinste Entfremdungsgrund sein. Als problematischer erweist sich, dass ihre Gedankenwelten kaum Deckungsgleich sind. Wenn Emma sagt, dass Satres Schrift „L’Existentialisme est un humanisme“ ein leichter Einstieg in die Materie sei, offenbart sie damit schon zum vorsichtigen Beginn der Beziehung, wie fremd ihr Adèles Lebensperspektive ist. Die Bruchstelle zwischen Bildungs- und Kleinbürgertum verläuft auch durch den Mund: Bei Adèle zuhause kommen Spaghetti auf den Tisch, bei Emma Austern.

Später, auf einer von Emma ausgerichteten Gartenparty, wird über Kunst und Philosophie gesprochen. Wieder bleibt die Kamera dicht bei Adèle, obwohl die ihrem Umfeld gerade kaum weiter entfernt sein könnte.